Geschwindigkeit

Bewegung und Physik

Das sich die Welt immer verändert, wird von Heraklit vor über 2.500 Jahren in einem großen Wurf ausgedrückt: πάντα ῥεῖ, "Alles fließt".

Wie schnell vergeht die Zeit? Die moderne Physik kann sagen, dass die Verwandlung von Möglichkeit in Welt mindestens in Lichtgeschwindigkeit geschieht. Das sind etwa eine Milliarde Kilometer pro Stunde. Als kleinste Zeiteinheit setzt sie die Dauer von 10 hoch Minus 43 Sekunden. Diese Zeit benötigt ein Lichstrahl, um eine Planck-Länge, das sind 10 hoch Minus 33 cm, zurückzulegen. Das bedeutet, dass sich die Welt mindestens im Takt der Planck-Sekunde nicht gleicht. Bevor eine gewöhnliche Sekunde um ist, hat sie sich viele Milliarden Male verändert.

Schaum

Warum das glauben? Die moderne Physik ist das leistungsfähigste Beschreibungssystem bisher. Jeder Mensch, der ein Flugzeug besteigt, ein Auto fährt oder einen Fahrstuhl betritt, erkennt diese Tatsache stillschweigend an. Im Vertrauen auf die Infrastruktur verraten sich die wortlosen Überzeugungen.

Die Religiösen arrangieren sich mit dem Herrschaftsanspruch der modernen Physik, indem sie zum erleuchteten Bauplan erklärt wird. Die physikalischen Gesetze sind dann eben Teil der ausgeklügelten Spielregeln, die Gott der Welt gegeben hat.

Kritische Philosophen können sich weniger gut arrangieren. Sie sind es gewohnt, immer daran zu denken, dass jede Sprache ein gesellschaftliches Produkt ist. Es gibt keinen körperlosen Beobachter und keine unsoziale Sprache. Damit ist die moderne Physik zuerst ein soziales Kontextphänomen, eine Magd der Technik, ein Werkzeug der Macht und der Repression.

Richard Rorty beschreibt die Tragweite dieser Überlegung am besten, wenn er schreibt, dass nur Sprache wahr oder falsch sein kann, nicht die Welt selbst. Wahrheit gibt es nur im Kommunikationsprozess. Die Dinge sind leer, ohne Deutung keine Bedeutung.

Dass nur Sätze wahr oder falsch sein können, nicht jedoch die Welt, darf nicht zu der Auffassung führen, dass die sprachlich-sozialen Erkentnisse der Physik die Welt nicht besser oder schlechter beschreiben, als die Worte Ayatollah Khomeinis oder die Sagen der Maya es tun. Überzogener Relativismus ist ein schlampiges Denken, das die himmelweiten Unterschiede der Leistungsfähigkeit wissenschaftlicher und religiöser Beschreibungssysteme achtlos wegwischt. Doch ebenso verbietet es sich, vor den präzisen Prognosen und den komplexen Formeln der modernen Physik in Ehrfurcht zu erstarren. Sie bilden nicht die Welt ab „wie sie wirklich ist“, sie funktionieren nur unheimlich gut.

Literatur

Mansfeld, Jaap 1986. Die Vorsokratiker I, II. Stuttgart: Reclam.

Rees, Martin 2000. Just Six Numbers. The Deep Forces That Shape the Universe. New York: Basic Books.

Rorty, Richard 1992. Kontingenz, Ironie und Solidarität. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Wittgenstein, Ludwig (1953) 1997. Philosophische Untersuchungen. Werkausgabe Band 1. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.