Innovationsspirale
Technologie und Information
Der eigenen Epoche einen Namen geben zu wollen, ist immer problematisch und in der Rückschau meistens lächerlich. Diese Aussage gilt heute mehr als jemals zuvor, denn die Gegenwart liegt im engeren Teil einer sich ruckartig zuspitzenden Innovationsspirale, deren Zukunft immer ungewisser wird.
Am Beginn dieser Entwicklung stehen Sprache, einfache Werkzeuge und der Umgang mit dem Feuer. Die folgenden entscheidenden Wendungen enthalten Stationen wie Tierzucht, Ackerbau, Urbanisierung, Schrift und Mechanik. Der Stellenwert und die Reihenfolge derartiger Innovationen wird kontrovers diskutiert. Unumstritten ist hingegen, dass die Geschwindigkeit gesellschaftlicher Neuerungen in den letzten drei Jahrhunderten eine bisher ungekannte Beschleunigung erfährt. Durch Kolonialisierung, Aufklärung und industrielle Revolution wird die Innovation zur Regel und zur Quelle des bis heute ungebrochenen Fortschrittsglaubens. Immer mehr Menschen gehen selbstverständlich davon aus, dass die folgende Generation in einer Welt voller neuer Dinge aufwachsen wird.
Die Grausamkeiten der Ideologen und der Technokraten in den letzten einhundert Jahren erschüttern diese Überzeugung nur teilweise. Zu atemberaubend ist der Umgang mit Elektrizität und die siliziumbasierte Massenproduktion von Information durch Digitalisierung. Es entstehen immer komplexere Maschinen, deren vollständige Funktionsweise längst keinem einzelnen Menschen mehr bekannt ist. Marshall McLuhan stellt fest, dass sich diese Informationsrevolution zuerst unbewusst auswirkt, da alle Menschen viel mehr erleben, als sie verstehen.
Wohin sich die Innovationsspirale bewegt, kann immer weniger abgeschätzt werden. Die Informationsrevolution erhöht die Schlagzahl technologischer Neuerungen so stark, dass zehn Jahre alte Prognosen hoffnungslos überholt erscheinen. Gleichzeitig wächst die Zahl der Möglichkeiten, deren Eintritt den plötzlichen Abbruch der Spirale durch nukleare oder biochemische Vernichtung bedeuten kann.
Literatur
Castells, Manuel (1996) 2001. Das Informationszeitalter. Teil 1: Der Auftstieg der Netzwerkgesellschaft. Opladen: Leske und Budrich.
McLuhan, Marshall (1964) 1994. Die magischen Kanäle. Basel: Verlag der Kunst Dresden.
Meyrowitz, Joshua 1987. Die Fernseh-Gesellschaft. Wirklichkeit und Identität im Medienzeitalter. Weinheim: Beltz.